Fehlerquellen bei Klebestörungen an Broschürenumschlägen
von Dipl.-Ing. (FH) Peter Stadler, FOGRA Druck e.V., München Zum Erfahrungsschatz einer jeden Buchbinderei, die Klebebindungen mit Hotmelts durchführt, zählen die Reklamationen, bei denen im Buchblock eine geringe Blatthaftung vorliegt oder die mangelhafte Klebung des Umschlags reklamiert wird. Bei einer nachträglichen Prüfung der Produktion lässt sich meist nichts Ungewöhnliches feststellen, da die Papier- und Kartonsorten und auch der Hotmelt bereits mehrmals mit gutem Erfolg eingesetzt wurden. Bei diesen nachträglichen Betrachtungen wird meist nicht beachtet, dass der Fehler, der zu der Reklamation führte, durch Schwankungen in der Auftragetemperatur des Hotmelts entstanden sein könnte. Prinzipiell wird von den Hotmelt-Herstellern ein Temperaturbereich zwischen 160 °C -180 °C für eine optimale Verarbeitung der Hotmelts empfohlen. Eine Unterschreitung des angegebenen Temperaturbereichs hat einen krassen Viskositätsanstieg der Schmelzmasse zur Folge, wodurch die Fließfähigkeit und die Benetzung des Broschürenblocks durch den Hotmelt beeinträchtigt wird. Bei einer tiefen Einkerbung der Blattkanten kann der Hotmelt durch die verminderte Fließfähigkeit die Kerben an den Blattkanten nicht mehr bis zum Grund ausfüllen. Entsprechend schlechter ist auch die Haltbarkeit der Klebebindung, was sich sehr deutlich bei der Qualitätsprüfung durch niedrige Pulltestwerte ausdrückt.
Eine zu niedrige Auftragetemperatur wirkt sich jedoch auch entscheidend auf die "offene Zeit" der Hotmelts aus. Die "offene Zeit" eines Klebstoffs ist der Zeitraum, der zwischen dem Klebstoffauftrag und der Verbindung des Buchblocks mit dem Umschlagkarton liegen darf. Nur innerhalb dieses Zeitraums erfolgt eine gute Verklebung. Bei einer Überschreitung der offenen Zeit stellt der Klebstoff eine vorübergehende Haftung zwischen dem Buchblock und dem Umschlag her, die sich jedoch bei der Gebrauchsbeanspruchung des Buchs meist als unzureichend erweist und wobei der Umschlag ablöst wird.
Aufgrund falscher Sparmaßnahmen werden in den Buchbindereien manchmal die Auftragestärken der Hotmelts herabgesetzt, ohne zu berücksichtigen, dass mit der Verminderung der Klebstoffmenge automatisch auch die "offene Zeit" reduziert wird. Die Klebstoffhersteller beziehen ihre Angaben bezüglich der "offenen Zeiten" auf eine Schichtstärke von 0,7 mm. Durch eine Halbierung dieser Schichtstärke wird auch der Wärmeinhalt des Hotmelts erheblich reduziert, wodurch seine Abkühlung schneller erfolgen kann. Bei den Klebestörungen an Umschlagkartons lassen sich jedoch auch relativ leicht Fehlinterpretationen der Ursachen für den aufgetretenen Fehler begehen. Gänzlich anders als oben beschrieben sind die auslösenden Momente für die Klebestörungen, wenn eine chemische Unverträglichkeit zwischen dem Karton und dem Hotmelt besteht. In diesem Fall lässt sich der Umschlag erst innerhalb von wenigen Monaten nach der Klebebindung partiell oder auch vollständig vom Buchblock ab. Weder an dem Hotmelt, noch an dem abgelösten Karton sind gravierende Veränderungen zu bemerken. Für die Buchbindereien, die diese Kartons verarbeiten, bieten sich keine praktikablen Möglichkeiten, vor der Produktion eine Unverträglichkeit der Materialien zu prüfen. Als Folge dieser Unverträglichkeit treten manchmal Reklamationen auf, die sich finanziell in beträchtlichen Höhen bewegen. Als eine sehr gut reproduzierbare Methode zur Prüfung der Dauerhaftigkeit der Umschlagverklebung haben sich Versuchsbindungen mit verschiedenen Karton- und Hotmeltsorten und einer anschließenden Lagerung der Broschüren bei erhöhter Temperatur erwiesen. Im Zeitraum von 24 Stunden nach der Bindung wird eine erste Prüfung der Klebung des Umschlagkartons durchgeführt, bevor die Lagerung im Klimaschrank folgt. Bei dieser und den folgenden Prüfungen nach der Einlagerung im Klimaschrank wird ein 2 cm breiter Streifen im Rücken des Umschlags eingeschnitten und die Verklebung durch das Abziehen dieses Streifens vom Broschürenrücken geprüft. Anschließend erfolgt die Lagerung der Bücher bei 40°C und 30 % relativer Luftfeuchte im Klimaschrank. In Abständen von einer Woche lassen sich die Broschüren hinsichtlich der Haltbarkeit der Umschlagsklebung prüfen.
Parallel dazu können Exemplare der Versuchsbindungen bei Normalklima gelagert werden, und die Veränderungen der Umschlagverklebung lassen sich im Vergleich zu künstlich gealterten Produkten untersuchen. Durch die künstliche Alterung zeigt sich, welche Kartonsorte mit den eingesetzten Hotmelts eine dauerhafte Klebung eingeht oder welche Kombinationen von Hotmelt und Umschlagkarton bereits kurzfristig unter der erhöhten Temperatur (künstlicher Alterung) Klebestörungen aufweisen. Nach Erfahrungswerten laufen bei einer künstlichen Alterung die Klebestörungen etwa 6- bis 8fach beschleunigt ab, und nach ca. zwei Monaten im Klimaschrank ist gesichert, dass die Umschlagklebung auch auf Dauer beständig bleiben wird.

