Fehlerquellen bei der Bindung von Broschüren
von Dipl.-Ing. (FH) Peter Stadler, FOGRA Druck e.V., München Wie bereits in der letzten Nachdruck-Ausgabe berichtet, zählen zu den »Sorgenkindern« der Druckweiterverarbeiter jene Produkte, die im Rollenoffset erstellt werden. Neben den Problemen, die bei der Heftung nahezu vorprogrammiert sind, lassen sich weitere typische Fehlerquellen bei der Verarbeitung zu Broschuren feststellen: teilweise extreme Welligkeit im Broschürenblock, Nichtplanlage von gebundenen Produkten sowie das Auswachsen des Formats und damit eine Stufenbildung an Schneidkanten. Obgleich die Buchbindereien bemüht sind, auch bei Rollenoffsetprodukten eine optimale Qualität in ihrer Produktion zu erreichen, kann durch die im Feuchtigkeitsgehalt oder in den Papiereigenschaften vorhandenen Schwankungen der angelieferten Druckbogen keine ausreichende Sicherheit im Produktionsablauf gewährleistet werden. Da der Rollenoffsetdruck aber vornehmlich bei Massenauflagen eingesetzt wird, sind Reklamationsfälle immer mit hohen Kosten verbunden. Zum Thema Rollenoffsetdruck existieren bereits umfangreiche Untersuchungen und Erfahrungen bezüglich der Auswirkungen der Bahntrocknung auf den visuellen Eindruck des Druckergebnisses (Blasenbildung, Glanzreduzierung), die Bahnschrumpfung und das Brechen im Falz. Die versteckten Mängel, die erst nach dem Druck oder nach der Belieferung des Kunden deutlich werden, sind für den Verarbeiter jedoch das weitaus größere Problem.
Nahezu typisch für die im Rollenoffset gedruckten Buchblöcke ohne eine Wiederbefeuchtung in der Druckmaschine ist eine mehr oder minder starke »Wellenbildung an den Schnittkanten«, die mit den bei der Lagerung der Bücher herrschenden Klimaverhältnissen und dem Trocknungsgrad des Papiers nach dem Druck in Zusammenhang steht. Während des Winterhalbjahres mit entsprechend geringer Luftfeuchtigkeit innerhalb beheizter Räume ist dabei eine Feuchtigkeitsdiffusion an den Blattkanten nach dem Dreiseitenbeschnitt in erheblich geringerem Maße vorhanden als während des Sommerhalbjahres, in dem mit hohen Luftfeuchtigkeitswerten auch in geschlossenen Räumen gerechnet werden muss. Eine weitere Problematik stellt oftmals das nach einer Klebebindung vorhandene »schwammige Aufschlagverhalten« dar. Die Produkte weisen nach der Trocknung in den Rollenmaschinen einen sehr geringen Feuchtegehalt (unter 10% relative Feuchte) auf, wodurch jegliche in den Buchblock verfahrensbedingt eingebrachte oder durch das Raumklima angebotene Feuchtigkeit »bevorzugt« aufgenommen wird. Unter die Rubrik »verfahrensbedingte Feuchteanlagerung« an das Papier fällt die Klebebindung mit Dispersionsklebstoffen, bei der durch die eingesetzte »Hochfrequenztrocknung« ein Teil des Wasseranteils im Klebstoff an das Papier abgegeben wird.
Ein hohes Risiko besteht hier selbst bei richtiger Papierlaufrichtung, während Druckbogen mit einer falschen Papierlaufrichtung mit Dispersionen aufgrund des Wassergehalts als nicht verarbeitbar eingestuft werden können.
Selbst Bindungen mit Hotmelts können ein hohes Reklamationsrisiko beinhalten, wenn die Druckbogen eine falsche Laufrichtung - also quer zum Bundsteg - aufweisen. Bei der Gutachtertätigkeit der FOGRA gibt es viele Fälle, bei denen nach der Klebebindung von Katalogen beanstandet wird, dass im Bundsteg eine Wellenbildung des Druckpapiers auftritt und dadurch das Öffnen der Produkte erheblich erschwert erscheint
Nach der Hotmeltbindung wird durch den Klebstoff einseitig an den Produkten immer eine mechanische Klammerwirkung erzeugt. Durch die höhere Dehnung eines Papiers quer zur Faserlaufrichtung wirken sich selbst geringe Veränderungen des Feuchtegehalts an gefertigten Produkten (Lagerklima) deutlich negativer aus als bei einer Laufrichtung parallel zum Bund. Das Verhältnis der Feuchtdehnung längs zu quer kann sich im Bereich von 1:7 bewegen. Bei falscher Laufrichtung besteht generell die Gefahr, dass bei einer Feuchtdehnung oder Trockenschrumpfung des Buchblocks im Bundsteg Spannungen verursacht werden, die beim Gebrauch der Produkte zum Bruch des verarbeiteten Klebstoffs führen oder eine Sperrwirkung im Bund erzeugen. Dieser Feuchteaustausch zwischen den gebundenen Produkten und der Umluft macht sich bei richtig laufenden Papieren (parallel zum Bundsteg) praktisch nicht bemerkbar, da in diesem Fall die Textseiten mit der geringeren Feuchtdehnung, d. h. die Längsrichtung der Papierfasern im Bundsteg festgehalten werden und die Feuchtdehnung in der Querrichtung ungehindert erfolgen kann.
Die Herstellung eines qualitativ hochwertigen Produkts ist jedoch gänzlich ausgeschlossen, wenn Buchbindereien Bindungen an Broschuren vornehmen müssen, in denen gemischte Papierlaufrichtungen vorliegen. Aus Kapazitätsgründen werden für größere Auflagen oftmals Bogensignaturen bei verschiedenen Firmen gedruckt, die Rollenoffsetmaschinen mit unterschiedlichen Formaten besitzen. In ungünstigen Fällen können dadurch wechselweise Druckbogen mit verschiedenen Laufrichtungen angeliefert werden. Auch der Einsatz von verschiedenen Druckverfahren (Bogenoffset, Rollenoffset, Tiefdruck) kann dazu beitragen, daß verschiedene Laufrichtungen von Bogensignaturen und zusätzlich auch noch ein unterschiedlicher Feuchtegehalt innerhalb der Druckbogen vorliegen.
Dadurch beginnen sich die Druckpapiere in Abhängigkeit von ihrer Papierlaufrichtung unterschiedlich auszudehnen, und es entsteht an den ursprünglich glatten Schneidkanten eine Stufenbildung, die sich selbst nach mehrfachem nochmaligen Beschnitt nicht vollständig entfernen lässt (siehe Abb. 2). Zusätzlich können sich die gefertigten Produkte auch nach der Auslieferung den Klimaverhältnissen in der Umluft anpassen, und erst der Kunde stellt ein unterschiedliches Auswachsen des Formats an den Schneidkanten fest.
In Kenntnis dieser Probleme ist es mehr als unklug, diese Tatsachen vor dem Kunden zu verschweigen und in Gesprächen bei der Auftragsverteilung das Verhalten der gebundenen Produkte dem von Bogenoffsetprodukten gleichzustellen.
Ein offenes Wort zur rechten Zeit an der richtigen Stelle kann in diesem Fall helfen, kostenträchtige Reklamationsfälle, Rechtsstreitigkeiten und nicht zuletzt einen Imageverlust am Markt zu vermeiden.

